Canada

2.10. SW Harbor

 

Ein letzter Regenspaziergang auf Mount Desert Island/ Maine. 


3.10.

Gestern habe ich bei ordentlichem Oststurm nach meinem Spaziergang kaum das Dinghi  an Bord bekommen. Es flog fast wie ein Drachen. In der Nacht hat der Wind stark nachgelassen und auf Nordwest gedreht. Dann soll’s heute also losgehen. Ich will mich an das abziehende Tief hängen und rasch hinüber nach Nova Scotia segeln. Die ungefähr 100 sm sind bei Tageslicht nicht zu schaffen. Aufgrund der oben geschilderten „Lobster pot“- Problematik kann ich leider erst bei Tageslicht starten. 

Das Tief ist vorbei, langsam steigt der Luftdruck wieder; es kann los gehen!

Also 6 Uhr aufstehen, gut frühstücken, warm anziehen, Barographenkurve kontrollieren,  letzten Wetterbericht einholen und dann los! 

Zuerst Flaute! Wie gehabt schlängele ich mich durch die Hummerkorb-Alleen. Weiter draußen frischt der Wind auf; ich setze alle Segel. Ab geht’s mit 8-9 kn. Kurs 108 Grad also ESE, dazu NNW Wind Beaufort 4-5 in Böen auch mal 6. Diesen leicht raumen Wind mag ARIEL besonders gern! Ein kleines Blauwassergefühl kommt auf, als die Küste von Maine allmählich hinter dem Horizont verschwindet. 

Bordroutine: aufräumen, Leinen und Schoten aufschießen, Essen kochen, Segelstand kontrollieren, Tidenströme (1,5 kn) nachschauen, Hafenhandbuch noch mal mit allen Anweisungen lesen,  auch mal in die Seekarte schauen und sehen, daß der „Lurcher Shoal“ nur 2,50 m tief ist und weiträumig umfahren werden muß…. Aber auch genügend Zeit, den gerade aktuellen Krimi zu lesen. 

Schon schön, so dahin zu rauschen, ohne auf Hummerkörbe aufpassen zu müssen. 

Am Spätnachmittag frischt der Wind noch etwas auf und ich lege das erste Reff ein. Danach sind es nur noch 7 kn, aber wir kommen ja ohnehin in die Nacht. Lurcher Shoal wird nördlich umfahren. Anschließend nutze ich den südsetzenden Strom für die letzten 14 sm bis zur Mündung des Yarmouth Sound. Inzwischen ist es stockfinstere Nacht und ich berge den Yankee (Genua), um nicht mit 10 kn über Grund auf die Einfahrt zuzurasen. Jetzt auch noch Nebel! Immerhin eine Meile vorher ein Lichtschein, und auch die rote Tonne leuchtet auf, als ich in ihrer Nähe bin. 

Motor an, Segel bergen, langsam den Yarmouth Sound hochtuckern. Vorher natürlich noch der Traffic Control Bescheid sagen, daß ich den Sund hochfahre. Beruhigende Antwort: kein Gegenverkehr. 

        Um 22:00 fällt der Anker. Ich bin in Nova Scotia. Bin auf morgen früh gespannt. Wo ich da wohl gelandet bin.

Ankerplatz östlich von Doctor´s Island in Yarmouth

4.10.

Heute Einklarieren. 

Geht eigentlich ganz einfach: An einer bestimmten Pier anlegen, dann eine Nummer in Halifax anrufen und dann auf die Zöllner warten.

Schon am frühen Morgen kommt die Canadian Mounted Police längsseits und kontrolliert das Schiff. Ob ich mich schon beim Zoll gemeldet hätte? Nein? Das kostet aber Strafe! Soll ich mal schnell machen!

Tja meine amerikanische Karte geht (natürlich) nicht. Dann hole ich schnell eine kanadische SIM Card bei Bell. Die haben ihren Laden aber nur in einer Mall, die sich ca. 2-3 km entfernt auf der Wiese befindet. Außerdem liege ich ja vor Anker mit gelber Q-Flagge, das wird schon recht sein. Nützt ja nix, ich muß telefonieren. Also an Land getuckert und in der Mall eine entsprechende Karte geholt. Dann Anruf. Große Verwirrung: warum vor Anker? Und warum schon seit gestern Abend? Ich soll gefälligst an den Steg kommen und auf die Beamten warten. Na gut, zurück auf´s Schiff Anker auf und zum bezeichneten Steg. 

Strenge Kontrolle: Warum nicht gleich angerufen? Warum zwei Stunden über Land gelaufen? Waffen? Drogen? Frische offene Lebensmittel? Zum Unglück erwähne ich einen Pfefferspray, den ich irgendwann mal hatte, der jetzt aber nicht mehr an Ort und Stelle ist. Da wird nun alles genau inspiziert, Fächer werden geöffnet, Klappen angehoben - der Spray bleibt verschwunden, ich weiß wirklich nicht wo er abgeblieben ist. 

Dann die „Einwanderungs-Arie“! Wie lange ich denn bleiben will? Nun denke ich, sag mal möglichst lange, also ein Jahr, weil ARIEL ja bis Mai im Lande bleibt.  Also, ein Jahr! Das geht überhaupt nicht! Ein halbes Jahr ist das absolute Maximum! Hin und Her geredet, und dann mit dem ganzen Plan herausgerückt. Na, warum ich das nicht gleich gesagt hätte, wenn ich im November erst mal wieder in Deutschland bin, gibt es doch kein Problem. Nur das Boot müsste eventuell verzollt werden, wenn es so lange im Lande bleibt!  Hm, Hm ?? !! ??

Es sei denn ich hätte eine ernsthafte Reparatur zu erledigen! Na das ist die goldene Eselsbrücke über die ich gern sofort gehe. Ja, ich habe einen Vorvertrag mit der Lunenburg Foundary und kann auch den entsprechenden e-mail Verkehr vorzeigen!

Naaa daaan! Alles in Butter! Mit ein paar erfüllbaren Auflagen werde ich sozusagen in Canada aufgenommen, muß dann aber in Lunenburg den Rest regeln.

Puh, das war strenger als in Cuba! 


5.10. West Head


Heute bei frischem Nordostwind mal wieder den Kopf frei pusten. 

Leuchtturm East Cape/ Einfahrt nach Yarmouth

Ich sehe im Tageslicht, wo ich bei Nacht und Nebel eingelaufen bin. Eine etwas raue Küste mit deutlich weniger Wald als in Maine. Viel weniger Ferienhäuser. Einigen gut bezeichneten Untiefen mit deutlicher Brandung weiche ich großräumig aus.

Am Spätnachmittag lege ich im großen Fischerhafen von West Head auf Sable Island an. Hier soll die Hauptstadt des kanadischen Lobster Fanges sein. Die Fischerflotte ist beachtlich. Viele Schiffe werden an Land überholt. Es sind ungewöhnlich breite Kähne mit einer riesigen Arbeitsfläche am Heck für eine Unmenge von Lobster Kästen.

  

 

 

 

 

Die Schraube wird durch eine Käfig geschützt

Ich will mich beim Hafenmeister melden, aber der hat Freitag bis Montag geschlossen. Stattdessen spreche ich mit einem Coast Guard Mann und hinterlasse meine Daten. Dann will ich etwas die Gegend anschauen. Nach kurzer Zeit kommt der Coast Guard Mann mit seinem Auto angefahren, er habe gerade ohnehin nichts vor und könnte mir die Insel zeigen! Da sage ich nicht nein und steige ein. Zuerst fahren wir zum Süd“strand“. Mächtige Brecher rollen vom Atlantik an; in der Ferne leuchtet Cape Sable Lighthouse. Da muß ich morgen herum!

Cape Sable

Weiter gehts an Moor und Marschseen, kleinen Nadelwäldchen, einem Friedhof mit Meerblick vorbei natürlich ins Geschäftszentrum - einer Mall nach amerikanischem Muster auf dem freien Feld.

 

 

 

 

                   

Ich erfahre, daß die Lobster Saison  im November beginnt und die Fischer j e d e n  Tag draußen sind. Unvorstellbar! Der Jahresverdienst sei etwa 600.000 Can$, wenn’s gut läuft! Das Schiff kostet aber so anderthalb bis zwei Millionen! Arm seien die Fischer nicht, aber ich denke, das ist sehr hart verdientes Geld!!


6.10. Shelburne

Strahlend blauer Himmel, aber noch besteht Starkwindwarnung aus NE. Das heißt ich werde den Wind nach dem Kap genau von vorn haben. Ab Mittag soll der Wind aber nachlassen. Der südgehende Strom (Ebbstrom) sollte bis zum frühen Nachmittag anhalten. Also starte ich gegen 11:00. Bei inzwischen leichtem Nordost lasse ich lieber die Maschine mitschieben um bloß im richtigen Moment am Cape Sable zu sein. Hier befindet sich nicht umsonst einer der großen Schiffsfriedhöfe der Welt. Von Südwest rollt eine  beachtliche Dünung heran. Zwar nur 1 - 2 m hoch aber riesige Wellenlänge von 100 bis 200 m. Also gewaltige Wassermassen! Entsprechendes Getöse und Gischtwolken wenn sich das Wasser über den flachen Stellen bricht. Es gibt zwar eine Innenpassage dicht unter Land aber ich gehe zur Vorsicht außenherum mindestens auf 20 m Tiefe! Das Kap werde ich stundenlang nicht los. Bei jeder Kursänderung nach Backbord peile ich den Leuchtturm erneut von schräg vorn. Nach zweieinhalb Stunden bin ich aber wirklich herum und nehme Kurs auf Shelburne. Der Wind dreht auf Südwest und ich kann sogar etwas segeln. Um kurz vor acht bin ich bei Dunkelheit am Public Dock in Shelburne.

LesSauvages . nicht unpassend!
Cape Roseway auf McNutts Island, der Einfahrt zu Shelburne Harbour
Die "letzte Meile" bis Shelburne

 

Einfahrt nach Shelburne, Blick nach "draußen"


7.10 .Shelburne

Heute „Stadt“Besichtigung. 

Shelburne ist historisch interessant. Stadtprospekt: Das historische Shelburne ist vielleicht der beste unentdeckte Platz in Canada. Zuerst siedelten hier die französisch-stämmigen Acadier, die mit den einheimischen Indianern friedlich auskamen. Auch später als immer mehr englischstämmige Siedler kamen, die den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nicht unterstützten (Loyalisten) bestand ein friedliches Zusammenleben. Die Bevölkerungszahl stieg auf 10.000 und Shelburne war die bedeutendste Stadt in Nova Scotia. 1755 weigerten sich aber die Acadier in einem Konflikt zwischen England und Frankreich gegen ihre ehemaligen Landsleute zu kämpfen. Daraufhin wurden sie deportiert, ihre Häuser verbrannt und das Land an die Royalisten verteilt. (Hm, kommt einem irgendwie aus der Geschichte bekannt vor!).

 

Shelburne -Historic Waterfront


Dann habe ich auch noch das Dorymuseeum besucht. Dorys waren die Arbeitsboote die die Neufundlandschoner auf den Großen Bänken (ca. 70  m Tiefe) aussetzten um Heilbutt zu fangen. Die Schoner waren sozusagen die Mutterschiffe, die den Fang lagerten und den Doryfischern Unterkunft gaben. Jedes Dory war mit zwei Leuten besetzt, die nicht aus der gleichen Familie stammen durften (viele kamen ja nicht wieder). Diese ca. 6 m langen Ruderbötchen setzten dann zwischen zwei Bojen eine lange Grundleine mit vielen Haken aus. Nach einiger Zeit wurde das Ganze wieder mitsamt dem festgebissenen Fisch eingeholt, wieder ausgebracht usw. Bis das Schiffchen voll war. Dann zurück zum Schoner und am nächsten Tag wieder so …. das ganze Jahr!

 

 

Dory Museum


8.10.

Heute Thanksgiving - alles geschlossen. Außerdem Gegenwind. Also Landgang. Dazu wolkenloser Himmel mit warmem Sonnenschein - der lang gesuchte Indian Summer!

Laßt die Bilder auf euch wirken!      

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9.10. Lunenburg

Südwest 5 in Böen 6!

Das ist der richtige Wind, um ans Ziel zu kommen. Zunächst muß erst mal die Stahlfock ran, um aus dem fördeartigen Meeresarm, an dem Shelburne liegt, herauszukommen. Dann zunächst nur unter Großsegel, später, nachdem ich mich eingewöhnt habe, mit ausgebautem Yankee ab nach Nordosten. Immer mit dem gehörigen Sicherheitsabstand zur Küste. Es geht mit 8 kn dahin wie auf Schienen. Im Ofen bruzzeln mehrere Toast Hawaii (`s?) - ein wunderbarer Abschluss der Reise!

Ganz bei Tageslicht schaffe ich die Strecke nicht. Aber Lunenburg ist zum Glück gut befeuert. Um 20:30 fällt der Anker. 

Lunenburg Harbour

 

Bluenose, der schnellste aller Schoner

 

 

 

 

Hier endet die Reise erst mal - Ariel geht ins Winterlager, ich fliege nach Hause.

ARIEL ON THE ROCKS

 

 

 

 

 

 

 

Indian Summer